Der Apfelbaum

Jedes Jahr, wenn der Kirschbaum blühte und seinen betäubend süßen Duft verbreitete, wusste er, dass es ein Fehler war. Sabine wollte einen Apfelbaum. Im Scherz hatte sie gesagt, in den Garten Eden – so nannte sie das Gartengrundstück hinter dem Reihenhaus – gehöre ein Apfelbaum. Klaus hatte im Spaß erwidert, er könne es nicht zulassen, denn äßen sie erst von den Früchten, würden sie wohl hinausfliegen aus ihrem Paradies.

Als Sabine am darauf folgenden Wochenende mit einer Freundin nach Holland an die Küste fuhr, pflanzte er heimlich den Kirschbaum. Er schaffte vollendete Tatsachen, was ihm eine schelmische Freude bereitete. Ein kleiner Triumph, der allerdings verpuffte, als Sabine zurückkam und die Aktion wortlos hinnahm.

Der Baum gedieh prächtig, entfachte jedes Jahr seine blendend weiße Blütenkrone, während seine Ehe zunehmend verkümmerte. Von jenem Tag an setzte Sabine keinen Fuß mehr in den Garten, fuhr immer häufiger übers Wochenende fort, bis sie eines Tages gar nicht mehr nach Hause kam. Nun blühte der Kirschbaum zum fünften Mal, seit sie ihn verlassen hatte. Zum fünften Mal stand er nun allein im Garten, die Axt in der Hand und fest entschlossen, den Baum endgültig zu fällen. Klaus verfluchte diesen Baum, dessen unschuldige Schönheit ihm verlogen erschien und nichts weiter als die Vortäuschung falscher Tatsachen war. Ein Sinnbild seiner eigenen Arroganz, stellvertretend für seine Überheblichkeit und dem kindischen Drang, immer recht haben zu wollen. Eine Eigenschaft, die Sabine mit den Worten, er hätte in seinem Leben keinen Platz für sie, aus ihrem gemeinsamen Paradies trieb.

Er würde den Fehler wieder gut machen, umfasste den Axtstiel mit beiden Händen und holte weit aus. Holz splitterte, während die scharfe Klinge in den Stamm eindrang. Als der Baum fiel und Blütenblätter aufwirbelten wie frischer Pulverschnee, fühlte er sich großartig. Voller Zuversicht nun endlich das Richtige zu tun, grub er die Wurzel aus, zog sie aus der feuchten Erde und seinem Leben, wie einen schmerzenden Zahn.

Nach getaner Arbeit setzte er sich auf die Terrasse, genoss den unverstellten Blick in eine freie Zukunft. Dann schrieb er Sabine einen Brief. Faltete die Blätter, steckte sie in einen Umschlag und legte noch zwei Kerne hinein. Apfelkerne.


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