Der Bastard

Die Ausbeute an diesem Vormittag war reichlich. Hans-Dieter mühte sich, den schweren Einkaufswagen auf Kurs zu halten, als plötzlich ein hochgewachsener Mann im Weg stand. Mit einem Ruck brachte Hans-Dieter den Wagen zum Stehen, was einen Zusammenstoß gerade noch verhinderte. Doch die Fliehkraft brachte die fragile Statik der aufgetürmten Gebrauchsgegenstände, die niemand mehr brauchte, ins Wanken. Nur mit einigen schnellen Handgriffen konnte er den totalen Zusammenbruch verhindern, lediglich eine verbeulte Waschmaschinentrommel, die ganz oben lag, rutschte herunter und knallte scheppernd zu Boden.

»Ey, kannst nicht aufpassen?«, brüllte Hans-Dieter, »Augen auf im Straßenverkehr. Hier ist weiß Gott Platz genug und du musst ausgerechnet vor meine Karre laufen. Mann. – Renn doch vor ne Laterne. Die stört es wenigstens nicht.«

Mit ein paar geschickten Griffen gelang es Hans-Dieter, die Statik zu stabilisieren, sodass er die Ladung loslassen konnte.

»Entschuldigung«, hörte er den Mann sagen. Hans-Dieter wischte sich eine dünne Haarsträhne aus der Stirn, legte sie über die Geheimratsecken, die ihm beinahe bis auf den Hinterkopf reichten, und betrachtete den Kerl, den er fast überfahren hätte. Er trug einen albernen Cowboyhut, kariertes Hemd und Jeans, dazu spitze Lederstiefel voller Schnörkel.

»Ist dein Pferd abgehauen oder spielst du hier Cowboy und Indianer?«, sagte Hans-Dieter, zog blitz schnell einen imaginären Revolver und feuerte mit dem Zeigefinger locker aus der Hüfte.

»Äh, nein. Keins von beiden«, erwiderte der Mann, »Ich glaube ich habe mich verlaufen.«

»Verlaufen«, wiederholte Hans-Dieter. »Haben wir uns das nicht alle? Suchen wir nicht alle jeden Tag nach dem Sinn des Lebens, tapsen wie die Blindschleichen … Ach nein, Schlangen tapsen ja nicht. Haben keine Beine. Also schleichen wie Blindschleichen durch die Gegend, unfähig den rechten Weg zu finden? Mach dir also keine Sorgen, das ist völlig normal. Solltest dabei nur die Augen auf machen.«

Der große Mann sah irritiert auf Hans-Dieter herab, hob einen Stadtplan und tippte mit dem Zeigefinger darauf.

»Ich suche eine Straße. Vielleicht können sie mir helfen, ans Ziel zu gelangen.«

»Oh. Moment, Moment, Moment. Das war jetzt ziemlich viel auf einmal. Also Straßen gibt es hier viele aber ich weiß nicht, ob ich wissen kann, ob die Richtige dabei ist. Und überhaupt, ans Ziel gelangt man nur, wenn man weiß, woher man kommt. Bin mir nicht sicher, ob ich da helfen kann. Aber ich kanns ja mal versuchen. Also, woher kommst du?«

Der Cowboy nahm den Hut ab, wischte sich mit dem Hemdsärmel über die Stirn und setzte ihn wieder auf. Er hatte kurze blonde Haare, ein markantes längliches Gesicht, das nicht zu wissen schien, was es ausdrücken sollte. Eine Mischung aus Belustigung und Mitleid.

»Ist schon Okay«, sagte er, »Ich wollte sie nicht belästigen.« Dann drehte er sich weg, um zu gehen.

»Na komm schon, jetzt lauf doch nicht gleich weg. Ich helfe dir ja.«

»Na gut«, sagte der Hüne, »Ich komme aus Amerika, ich heiße Maarten und suche …«

»Amerika!« rief Hans-Dieter dazwischen. »Na, die haben noch nie gewusst, wo es lang geht. Rennen mit lautem Getöse und derben Stiefeln durchs Weltgeschehen, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen und kennen gerade mal den Weg bis zum nächsten Fastfood. Da wundert mich nicht, dass du dich verlaufen hast.«

»Entschuldigen sie bitte«, sagte Maarten, »Ich suche eigentlich nur die Koningstraat. Sagen sie mir doch einfach, ob sie die kennen und wie ich dahin komme.«

Hans-Dieter streckte seine Hand aus.

»Schön dich kennen zu lernen Maarten. Ich heiße Hans, aber Hans ist ein Taugenichts und Versager, ich kann ihn eigentlich nicht leiden. Darum heiße ich Dieter, der ist Künstler, der macht was aus seinem Leben. Das gefällt mir besser. Manchmal bin ich Hans, manchmal Dieter. Es gibt auch Tage wie heute, da bin ich beide. Eben Hans-Dieter.«

Maarten ergriff die Hand und drückte zu. Kräftiger Bursche dachte Hans-Dieter. Er war nicht überrascht, denn Maarten wirkte wie ein Mann mit Prinzipien, einer der anzupacken verstand und nicht lange fackelt. Das Mitleid in seinem Gesicht war verschwunden und einem Lachen gewichen, das eine blendend weiße Zahnreihe entblößte.

»Schön euch kennen zu lernen. Hans. Dieter«, sagte er. »Wo wir die Formalitäten nun erledigt haben, kannst du mir sicher sagen, ob du die Koningstraat kennst oder nicht.«

»Klar kenn ich die, schließlich bin ich hier aufgewachsen. Niemand kennt sich hier besser aus als ich. Sag mal Maarten, du hast nicht zufällig ne Kippe?«

»Ich hab Tabak«, erwiderte Maarten, kramt in der Tasche und reichte Hans-Dieter einen kleinen Plastikbeutel ohne Aufdruck. Hans-Dieter ergriff den Beutel, roch daran und begann sich eine Zigarette zu drehte, während er Maarten beobachtete, der sich in der Gegend umsah. Er wirkte deplatziert, wie einer, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Einer, der seine Sorgen stets hinunter schluckt und im Laufe der Jahre immer schwerer daran zu tragen hat. Hans-Dieter kannte viele solche Menschen, verschlossene, wortkarge Typen, die sich vor lauter Lebenslast bewegten, als hätten sie Knochen aus Blei. Konnte man leicht mit Bodenständigkeit verwechseln. Hans-Dieter riss ein Streichholz an, saugte den Rauch ein und blies ihn durch gespitzte Lippen in die Luft.

»Was ist denn jetzt mit der Koningstraat?«, drängte Maarten, nachdem er den Tabakbeutel wieder in die Tasche gestopft hatte.

»Mach dich locker, Cowboy. Die läuft nicht weg«, sagte Hans-Dieter und hielt sich die Zigarette unter die Nase, »Verdammt gutes Kraut! Wo hast das her?«

»Von zuhause«, bemerkte Maarten ungeduldig, »Ich bin Farmer und habe eine Tabakplantage.«

»Cool«, sagte Hans-Dieter und nuckelt an dem Glimmstängel.

»Die Koningstraat? Wo ist die denn jetzt?«

Hans-Dieter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er stampfte ein paar Mal mit dem Fuß auf, blies Qualmwolken in den Himmel und sagte: »Die ist hier, du stehst drauf.«

Maarten hob die Augenbrauen, blickte sich verwundert um.

»Das kann nicht sein. In der Koningstraat die ich suche stehen Häuser. Die muss woanders sein.«

»Hier stehen doch Häuser«, sagte Hans-Dieter.

»Ich sehe nur ein paar Bauwagen, Mauerreste und komische Metallgestelle.«

Hans-Dieter blickte zu den bunt bemalten Bauwagen, von denen einer sein eigenes Zuhause war. Die vier Wagen standen in einer Bodensenke, umgeben von einem Gelände mit hohem Gras, aus dem vereinzelt die Reste echter Häuser und dürre Birken ragten. Er deutete auf ein Loch im Zaun, das vor langer Zeit mal ein stattliches Tor gewesen sein mochte, doch nun bis auf einen schmalen Spalt zugewachsen war.

»Koningstraat 25. Kannst mir glauben«, sagte er und fügte betont ernst hinzu, »Und die Metallgestelle sind Kunstwerke.«

Maarten nahm den Hut ab, zog ein Gesicht als stünde er am offenen Grab eines geliebten Menschen und stammelte: »Aber. Aber hier soll früher ein großes weißes Haus mit dunkelgrünen Fensterläden und einer überdachten Veranda gestanden haben. Am Giebel gab es einen Teich und einen riesigen Kastanienbaum in dem …«

»… Eine Schaukel hing«, beendete Hans-Dieter Maartens Satz.

»Ja, genau. Woher weißt du das?«

»Ich bin hier aufgewachsen, das sagte ich bereits. Aber woher weißt du das denn?«

»Meine Mutter hat es mir erzählt, als ich noch klein war. Sie erzählte oft von dem Haus in der Koningstraat und dem wunderschönen Garten voller duftender Blumen, schwärmte von lauen Sommerabenden unter der großen Kastanie. Sie sagte, ich sei dort geboren worden.«

Hans-Dieter kniff die Augen zusammen und wischte mit der flachen Hand seine schütteren Haare nach hinten, während er versuchte Maartens Gesichtsausdruck zu deuten. Sein Gehirn lief auf Hochtouren, suchte angestrengt in seiner Erinnerung nach Zusammenhängen. Wie kann es sein, dass dieser Cowboy ohne Pferd und Sporen plötzlich im Weg steht und so einen Scheiß verzapft.

»Das musst du mir genauer erklären«, sagte er, »Lass uns erst mal aus der Sonne gehn. Ich habe noch ein paar Bier im Bauwagen, der steht gleich da drüben.«

Maarten kräuselte die Stirn, schien nachzudenken. Dann setzte er seinen Hut auf und sagte: »Okay, warum nicht.«

Hans-Dieter packte mit beiden Händen den Griff des Einkaufswagens und schob ihn vor, stieß aber gegen einen Stein und blieb hängen. Maarten, der schwere Arbeit und Anpacken gewohnt schien, griff beherzt zu und gemeinsam beförderten sie den Wagen durch das Loch im Zaun bis vor einen der Bauwagen. Hans-Dieter bot Maarten einen Platz an und verschwand im Wageninnern. Maarten ließ sich auf einer umgedrehten Bierkiste nieder, von denen mehrere im Kreis um eine Feuerstelle herumlagen, wobei er einige Schwierigkeiten hatte, seine langen Beine in eine bequeme Stellung zu bringen. Hans-Dieter kam mit dem Bier, setzte sich ebenfalls auf eine der Kisten und reichte dem Cowboy eine Flasche. Maarten besah sich das Etikett.

»Eigentlich trinke ich nur Whiskey, aber was soll’s.«

Die Beiden prosteten sich zu und nahmen einen tiefen Schluck.

»Also«, begann Hans-Dieter, »Erzähl mir, was ein Tabakpflanzer aus Amerika mit dem Haus in der Koningstraat zu schaffen hat, das längst nicht mehr da ist?«

»Ich weiß es nicht. Ich lebte mit meinen Eltern an der Nordseeküste, bis ich achtzehn wurde. Am Tag meines Geburtstages erzählte meine Mutter, dass der Mann, den ich bis dahin für meinen Vater hielt, gar nicht mein leiblicher Vater ist. Ich war sehr enttäuscht und wütend drüber, dass sie mich so lange angelogen hatte, und ging fort. Nach Amsterdam. Dort lernte ich meine Frau kennen, heiratete sie und wir beschlossen ein Jahr später nach Amerika zu gehen. Ich fuhr zu meiner Mutter, wollte Lebewohl sagen. Doch sie war nicht mehr da. In dem Haus am Meer lebte längst eine andere Familie. Wir gingen also nach Amerika, kauften eine Farm und pflanzten Tabak an. Mittlerweile habe ich vier Kinder. Eine Tochter erkrankte sehr schwer. Wenn ich traurig war, erzählte mir meine Mutter immer Geschichten von dem Haus in der Koningstraat. Schöne Geschichten aus einer glücklichen Zeit, voller Liebe und Geborgenheit, die mir erschienen wie aus einer anderen Welt. Doch als Kind beruhigten sie mich, verscheuchten meine Traurigkeit, und immer wenn ich am Bett meiner kranken Tochter saß, erinnerte ich mich daran. Ich erzählte ihr davon, wenn sie traurig war. Als das Kind starb, brach um mich herum alles auseinander und eine innere Stimme sagte mir, dass ich hier herkommen muss. Ich musste wissen, ob es das Haus in der Koningstraat wirklich gibt.«

Maarten sah versonnen in die erloschene Feuerstelle zu seinen Füßen, den Blick nach innen gerichtet, als würde er in sein eigenes offenes Herz schauen. Dann richtete er sich auf und sagte: »Nun, es gibt keins. Nur ein paar alberne Bauwagen.«

»Nicht mehr«, sagte Hans-Dieter, »Es gab hier ein Haus, stand genau an dieser Stelle und war, wie du es beschrieben hast. Ich bin darin geboren und lebte hier mit meinem Vater. Ein paar Tage nach meinem achtzehnten Geburtstag starb er und ich ging fort. Politiker wollte ich werden, ein Streiter für Demokratie und Gerechtigkeit. Hans wollte sogar Präsident werden, gründete eine Partei, deren einziges Mitglied er war. Dieter redete es ihm aus und nach Jahrzehnten des inneren Kampfes gab sich Hans geschlagen, akzeptierte seine Niederlage. Er hatte versagt. Die beiden Stimmen in meinem Kopf versöhnten sich und als Hans-Dieter kam ich hier her zurück. – Klingt komisch, ich weiß, aber irgendwie sind bei meiner Geburt zwei Personen in meinen Körper geschlüpft. Meine Eltern müssen das geahnt haben, gaben mir wohl deswegen einen Doppelnamen. – Na ja, das Haus war jedenfalls fort. Abgerissen.«

Maarten sah Hans-Dieter entgeistert an, so als hätte er nichts von dem Gesagten verstanden.

»Aber wie kann es sein«, sagte er, »dass wir beide in dem gleichen Haus geboren wurden und nichts voneinander wissen? Wir sind in etwa gleich alt oder?«

»Ich bin fünfundvierzig«, sagte Hans-Dieter.

»Ich dreiundvierzig.«

»Als ich sechszehn oder siebzehn war«, fuhr Hans-Dieter fort, »Und nach meiner Mutter fragte, erwähnte Vater, dass sie mit einem anderen Mann fortging, als ich zwei Jahre alt war. Ich wollte alles ganz genau wissen, doch er wehrte ab, sagte nur, hoffentlich ist sie glücklich geworden, und der Bastard auch.«

Maarten nahm den Hut ab, legte ihn neben sich und lehnte sich gegen die Wand des bunt bemalten Bauwagens. Er streckt die langen Beine von sich, kramte seinen Tabakbeutel hervor, drehte sich eine Zigarette und blickt zufrieden auf das Ergebnis. Er schien entspannt, beinahe erleichtert, als fiele ihm eine große Last von den Schultern.

»Ja«, sagte er und sah Hans-Dieter an, »Ich denke unsere Mutter ist glücklich geworden. Doch unser Vater hat sich geirrt.«


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