Übergangsjacke

»Schau mal, Schatz!«

Beiläufig warf ich einen kurzen Blick auf das, was sie da in die Höhe hielt und wandte mich wieder ab. Was sie da in der Hand hatte, ließ sich in dem Augenblick nicht präzise erkennen und so fiel meine Reaktion ebenso unpräzise aus.

»Mmh«, brummte ich nur gelangweilt.

»Das ist eine schöne Übergangsjacke für dich.«

Das Objekt, das sie von allen Seiten betrachtete, sah in etwa so aus wie eine Anglerweste mit vielen Taschen. Mein Opa trug so etwas, allerdings ohne Ärmel. Aber der trug auch Pullover ohne Arm.

»Ach ja?!«, sagte ich, »Wohin soll ich denn übergehen? Von der Midlife-Crisis direkt ins Seniorentum? Oder Sanatorium?«

»Du sollst nirgendwohin übergehen. So was trägt man, wenn es weder warm noch kalt ist.«

»Hä? Das ist physikalisch überhaupt nicht möglich. Es gibt keinen temperaturlosen Zustand. Es ist entweder warm oder es ist kalt. Und abgesehen davon, wenn es warm ist, kann man eine Sommerjacke anziehen. Obwohl man die eigentlich gar nicht braucht, weil es meistens auch ohne geht. Und wenn nicht, zieht man halt einen Pulli über. Wenn es hingegen kalt ist, zieht man seine Winterjacke an. Wobei man die eigentlich auch nicht braucht. Man könnte ja die Sommerjacke anziehen, wenn man eine hat, mit nem Pulli drunter oder zwei.«

»Von mir aus«, erwiderte sie mit einem leicht beleidigten Unterton. »Und dazwischen trägt man halt Übergangsjacken.«

»Übergang. Ich will aber nicht übergehen und eine Jacke brauch ich dafür schon gar nicht, wenn ich denn übergehen wollte. Ich könnte mich höchstens übergeben, angesichts der Preise hier.«

»Wieso?«, erwiderte sie, »die Jacke ist doch schon runtergesetzt. Statt hundert Euro kostet die nur siebzig. Wenn wir die kaufen, sparen wir dreißig Euro!«

»Wenn wir die kaufen, geben wir siebzig Euro aus und sparen keinen einzigen Cent!«

»Ja, aber wenn wir die Jacke kaufen müssten, sind siebzig Euro besser als hundert.«

»Müssen wir aber nicht.«

»Ständ dir aber gut«, sagte sie voller Überzeugung und drückte mir das Textil vor die Brust, »So eine hast du gar nicht. Die würde gut zu der hellen Hose und den braunen Schuhen passen, die ich dir neulich mitgebracht habe.«

Sie streckte den Arm aus, beugte sich weit nach hinten um einen besseren Blickwinkel zu bekommen, während sich der spitze Metallhaken des Kleiderbügels in meine Wange bohrte.

»Die trägst du gar nicht mehr.«

»Was?«

»Die braunen Schuhe«, sagte sie und sah mich vorwurfsvoll an. Schon als sie die Schuhe angeschleppt hatte, honorierte ich ihr Bemühen nicht ausreichend, weil ich sie wortlos in den Schrank gestellt hatte. Jetzt erneuerte sie ihren Vorwurf und gab mir sogleich eine Chance zur Wiedergutmachung, indem sie sagte: »Zu der Jacke kannst du die Schuhe gut anziehen.«

Derweil kratzte der Metallhaken schmerzhaft in meinem Gesicht und in der Hoffnung, sie würde das Ding endlich runter nehmen sagte ich: »Ja, das könnte ich.«

Sie nahm es runter. Erst zu spät erkannte ich, dass man in einer solchen Situation auf gar keinen Fall Ja sagen darf. Das Fundament meiner ablehnenden Haltung stürzte ein und sie, mit ihrem untrüglichen Gespür für meine Schwächen, nutzte es schamlos aus. So kam es, wie es kommen musste.

»Zieh doch mal an.«

Eine Verkäuferin schlich bereits seit einigen Minuten in enger werdenden Kreisen um die Kleiderständer in unmittelbarer Nähe und sah ständig herüber. Verkäuferinnen gucken immer so, als sei man der letzte Trottel, eine herablassende Mischung aus Verachtung und Mitleid. Verachtung für mich und Mitleid für sie, weil sie mit so einem wie mir shoppen gehen musste.

Die Jacke passte.
»Steht ihm gut«, sagte die Verkäuferin aus dem Hinterhalt und erklärte ihr die Vorzüge von Material und Verarbeitung. Mich beachtete sie gar nicht. Ich fühlte mich so nutzlos wie eine der zahlreichen Schaufensterpuppen, die überall zwischen den Regalen herumstanden und ein gelangweiltes Gesicht machten. Der einzige Unterschied zwischen den Puppen und mir war, dass ich schwitzen konnte. Und ich schwitzte.

»Ist eine schöne Übergangsjacke. Kann er gut im Herbst tragen«, erklärte die Verkäuferin.
»Wieso nicht im Frühling?«, mischte ich mich ein. Die Verkäuferin sah mich überrascht an, fast schon erschrocken. Sie schien ernsthaft irritiert darüber zu sein, dass ich überhaupt sprechen konnte.
»Weil das hier die Herbst/Winter Kollektion ist«, sagte sie, also meine Frau, nicht die Verkäuferin, »Übergangsjacken für den Frühling gibt es erst im Winter, wenn hier die Frühjahrs/Sommer Kollektion hängt.«

»Was soll’s«, sagte ich zum Spaß, »Da weiß man ja überhaupt nicht mehr, welche Jahreszeit wir gerade haben und in welchem Übergang wir uns befinden.«
Die Beiden sahen mich entgeistert an und lächelten dann verständnisvoll, während sie verschwörerische Blicke tauschten.

»Na gut, nehmen wir sie halt mit«, sagte ich laut und deutlich, damit auch jeder meine endgültige Kapitulation hören konnte. Die Verkäuferin zog mir hastig die Jacke vom Leib und stapfte damit wie ein siegreicher Feldherr zur Kasse.

»Gutes Schnäppchen«, sagte sie auf dem Weg dort hin.

Bisweilen beschleicht mich das Gefühl, dass die Entwicklungsstufe des heutigen Konsumenten, das evolutionäre Prinzip von Jäger und Hüter, völlig auf den Kopf gestellt hat. Unbemerkt hat sich ein schleichender Geschlechtertausch vollzogen. Die moderne Frau ist zu einer kriegerischen Jägerin mutiert, einer Schnäppchenjägerin und der Mann begnügt sich in der Regel mit dem Hüten der Ersparnisse.
»Siebzig Euro!«, forderte die Dame an der Kasse. Meine Frau nickte zustimmend und so opferte ich schweren Herzens die Scheine. Die Verkäuferin nickte ebenfalls, lächelte zufrieden und verabschiedete sich – von meiner Frau – mit den Worten: »Ich wünsche noch ein erfolgreiches Shopping!«

Was für ein bescheuerter Begriff dachte ich. Shopping. Klingt irgendwie gewalttätig. Urbane Gewalt. Oder wie eine asiatische Kampfkunst: San Shou, Chop Suey, Tsingtao und Sho Ping. Oder wie Harakiri. Samurais der Wühltische oder Sonderangebots-Kung-Fu.

Natürlich nahm meine Frau die Tüte. Sie schleppte die Beute vom Schlachtfeld und wie zur Belohnung für den gelungenen Tauschhandel hakte sie sich bei mir unter und machte ein glückliches Gesicht. Sie war, wie jedes Mal, glücklich, weil sie glaubte, dreißig Euro gespart zu haben, obwohl wir siebzig ausgegeben hatten. Rabattpunkte auf der Kundenkarte gab es noch obendrauf. Erfolg auf ganzer Linie. Sie war sehr zufrieden, blieb auf dem Weg zum Ausgang an keinem einzigen Ständer mehr stehen, was mich ebenfalls zufrieden machte. Hoffentlich, dachte ich noch, kommen diese Modezaren nicht noch auf die Idee, auch noch Übergangsjacken für den Wechsel vom Werktag auf einen Feiertag zu erfinden. Vom Karfreitag auf Ostern oder so. Eine Zwischen-den-Weihnachtsfeiertagen-Jacke oder ein Silvesterjackett, für den Übergang ins neue Jahr. Vielleicht sogar Übergangsunterwäsche für den Übergang von Klein nach Groß. Wobei im fortgeschrittenen Seniorentum da ja nicht mehr so viel Übergänge vorkommen. Im Sanatorium sind die Unterhosen ehe wieder aus Plastik, mit zwei Klebestreifen rechts und links. So wie früher. Ganz früher!
Als wir auf die Straße traten, regnete es. Am Fußgängerübergang zog ich meine neue Übergangsjacke über und sie sagte: »Siehste! Gut, dass wir die gekauft haben. Was für ein Schnäppchen.«

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sagte sie dann: »Scheiß Regen!«, und als gäbe es keine Alternative, fügte sie hinzu: »Lass mal reingehen.«

So marschierten wir geradewegs in den nächsten Laden. Ich blieb im Gang stehen, sah mich gedankenverloren um und fühlte mich irgendwie komisch.

»Schau mal, Schatz!«, sagte sie und ich wusste, wir waren in eine Endlosschleife geraten, aus der es kein Entrinnen gab.


Die Kommentarfunktion ist geschlossen.