Spuren Einer Kindheit

ISBN 978-3-86963-274-2

»Niemand hier weiß mehr, was richtig oder falsch ist. Die Welt steht Kopf und man ist gezwungen, jede Menge falsche Dinge zu tun. Gewöhn dich daran.«


»Als Kind weiß man diesen Ort nicht zu würdigen, verflucht ihn sogar und sehnt sich woanders hin. Doch erst wenn man fortgegangen ist und nicht mehr zurück kann, zeigt sich der wahre Wert. Ich ahnte, dass ich mich vielleicht mein ganzes Leben danach sehnen würde, Ersatz zu finden.«



Der zwölfjährige Otto lebt ohne Eltern mit seinen beiden Schwestern alleine auf einem kleinen Bauernhof in Ostpreußen. Als am frühen Morgen des 21. Januar 1945 der Evakuierungsbefehl ausgerufen wird, endet seine Kindheit abrupt. Zusammen mit seinen verängstigten Schwestern, einer tatkräftigen Nachbarin, deren Kinder und einem grimmigen alten Mann, geht er auf eine abenteuerliche Reise mit unbekanntem Ziel. Irgendwie nach Westen, was mit Pferd und Wagen, bei minus zwanzig Grad und der rauen Wirklichkeit auf den Straßen kaum möglich scheint. Mit jedem Meter dieser beinahe tausend Kilometer langen Fahrt, wächst der Junge über sich hinaus, schöpft Lebenskraft und Zuversicht, findet Freundschaft und zu sich selbst, während um ihn herum alles im Chaos versinkt.



IATROS Verlag, Potsdam
€ 12,95
Softcover, 232 Seiten
ISBN 978-3-86963-274-2
Erscheinungstermin: 8. Oktober 2013


Hallo Welt!

Alles begann an einem Sonntag. Es war der fünfzehnte des Monats April im Jahre 1962. Ein schöner sonniger warmer Tag im endlosen Fluss der Zeit. Ein Tag wie jeder Andere in einer endlosen Kette von Tagen auf dem Weg nach nirgendwo.

Neun Monate zuvor sorgte ein gewisser biochemischer Vorgang dafür, dass sich einige Fermionen aus dem unendlichen Teilchenstrom des Universums, zu einer komplexen Molekülkette vereinigten und einen winzigen Bruchteil der baryonischen Materie im Leib meiner Mutter zu dem zusammensetzte, was ich werden sollte. An sich ein ganz banaler und natürlicher Vorgang. Leben schafft neues Leben und verknüpft sich von selbst mit jeder neuen Verbindung zu einer individuellen Form. Das alles geschähe völlig unbemerkt und unbeobachtet, wäre da nicht die eine Lebensform, die von sich selbst behauptet, der Wahrnehmung fähig zu sein. Die Vorgänge währen unbedeutend und ohne Belang, hätten wir nicht die Fähigkeit Fragen zu stellen und Antworten zu hören. Macht ein umstürzender Baum im Wald ein Geräusch, wenn niemand da ist, der es hört?

An jenem Sonntag war jemand da, der hören konnte. So kam es, dass dieser Unbekannte, eine Krankenschwester oder Hebamme vielleicht, mein Schreien wahrnahm. Ich schrie also, wie es in diesem Entwicklungsstadium üblich ist. Getrieben von der einen entscheidenden Frage: Wie, verdammt noch mal, bekomme ich was zu trinken?

Wie ich später erst erfuhr, lag meine Mutter in Narkose, denn ich bin ein Kaiserschmarren. Ich – meine Mutter sowieso – hätte einen Adelstitel verdient, denn der Prozess der Menschwerdung war anstrengend und währe auf natürlichem Wege gleich wieder zu Ende gewesen. So bin ich und meine Molekülkette nur knapp einer gewissen Wahrscheinlichkeit entgangen, gleich wieder zu zerfallen und vom ewigen Teilchenstrom fortgerissen zu werden. Vermutlich wäre auch das bedeutungslos, gäbe es meine Eltern nicht. Die Schicksalswendung und die medizinische Errungenschaft des Kaiserschnitts machten sie glücklich. Besonders meinen Vater, denn ich war ein Junge geworden, was zu dieser Zeit noch eine gewisse Bedeutung hatte.

So begab es sich, dass ich aus dem unendlichen Strom der Zeit in den endlichen Strom der Menschheitsgeschichte geboren wurde und den kleinen Teil eines Menschenlebens dabei sein darf, der nunmehr fünfzig Jahre währt.

Auch das wäre ohne Belang im unendlichen Karussell der Sterne, wäre die Welt nicht wie sie ist.