Der Bastard

Die Ausbeute an diesem Vormittag war reichlich. Hans-Dieter mühte sich, den schweren Einkaufswagen auf Kurs zu halten, als plötzlich ein hochgewachsener Mann im Weg stand. Mit einem Ruck brachte Hans-Dieter den Wagen zum Stehen, was einen Zusammenstoß gerade noch verhinderte. Doch die Fliehkraft brachte die fragile Statik der aufgetürmten Gebrauchsgegenstände, die niemand mehr brauchte, ins Wanken. Nur mit einigen schnellen Handgriffen konnte er den totalen Zusammenbruch verhindern, lediglich eine verbeulte Waschmaschinentrommel, die ganz oben lag, rutschte herunter und knallte scheppernd zu Boden.

»Ey, kannst nicht aufpassen?«, brüllte Hans-Dieter, »Augen auf im Straßenverkehr. Hier ist weiß Gott Platz genug und du musst ausgerechnet vor meine Karre laufen. Mann. – Renn doch vor ne Laterne. Die stört es wenigstens nicht.«

Mit ein paar geschickten Griffen gelang es Hans-Dieter, die Statik zu stabilisieren, sodass er die Ladung loslassen konnte.

»Entschuldigung«, hörte er den Mann sagen. Hans-Dieter wischte sich eine dünne Haarsträhne aus der Stirn, legte sie über die Geheimratsecken, die ihm beinahe bis auf den Hinterkopf reichten, und betrachtete den Kerl, den er fast überfahren hätte. Er trug einen albernen Cowboyhut, kariertes Hemd und Jeans, dazu spitze Lederstiefel voller Schnörkel.

»Ist dein Pferd abgehauen oder spielst du hier Cowboy und Indianer?«, sagte Hans-Dieter, zog blitz schnell einen imaginären Revolver und feuerte mit dem Zeigefinger locker aus der Hüfte.

»Äh, nein. Keins von beiden«, erwiderte der Mann, »Ich glaube ich habe mich verlaufen.«

»Verlaufen«, wiederholte Hans-Dieter. »Haben wir uns das nicht alle? Suchen wir nicht alle jeden Tag nach dem Sinn des Lebens, tapsen wie die Blindschleichen … Ach nein, Schlangen tapsen ja nicht. Haben keine Beine. Also schleichen wie Blindschleichen durch die Gegend, unfähig den rechten Weg zu finden? Mach dir also keine Sorgen, das ist völlig normal. Solltest dabei nur die Augen auf machen.«

Der große Mann sah irritiert auf Hans-Dieter herab, hob einen Stadtplan und tippte mit dem Zeigefinger darauf.

»Ich suche eine Straße. Vielleicht können sie mir helfen, ans Ziel zu gelangen.«

»Oh. Moment, Moment, Moment. Das war jetzt ziemlich viel auf einmal. Also Straßen gibt es hier viele aber ich weiß nicht, ob ich wissen kann, ob die Richtige dabei ist. Und überhaupt, ans Ziel gelangt man nur, wenn man weiß, woher man kommt. Bin mir nicht sicher, ob ich da helfen kann. Aber ich kanns ja mal versuchen. Also, woher kommst du?«

Der Cowboy nahm den Hut ab, wischte sich mit dem Hemdsärmel über die Stirn und setzte ihn wieder auf. Er hatte kurze blonde Haare, ein markantes längliches Gesicht, das nicht zu wissen schien, was es ausdrücken sollte. Eine Mischung aus Belustigung und Mitleid.

»Ist schon Okay«, sagte er, »Ich wollte sie nicht belästigen.« Dann drehte er sich weg, um zu gehen.

»Na komm schon, jetzt lauf doch nicht gleich weg. Ich helfe dir ja.«

»Na gut«, sagte der Hüne, »Ich komme aus Amerika, ich heiße Maarten und suche …«

»Amerika!« rief Hans-Dieter dazwischen. »Na, die haben noch nie gewusst, wo es lang geht. Rennen mit lautem Getöse und derben Stiefeln durchs Weltgeschehen, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen und kennen gerade mal den Weg bis zum nächsten Fastfood. Da wundert mich nicht, dass du dich verlaufen hast.«

»Entschuldigen sie bitte«, sagte Maarten, »Ich suche eigentlich nur die Koningstraat. Sagen sie mir doch einfach, ob sie die kennen und wie ich dahin komme.«

Hans-Dieter streckte seine Hand aus.

»Schön dich kennen zu lernen Maarten. Ich heiße Hans, aber Hans ist ein Taugenichts und Versager, ich kann ihn eigentlich nicht leiden. Darum heiße ich Dieter, der ist Künstler, der macht was aus seinem Leben. Das gefällt mir besser. Manchmal bin ich Hans, manchmal Dieter. Es gibt auch Tage wie heute, da bin ich beide. Eben Hans-Dieter.«

Maarten ergriff die Hand und drückte zu. Kräftiger Bursche dachte Hans-Dieter. Er war nicht überrascht, denn Maarten wirkte wie ein Mann mit Prinzipien, einer der anzupacken verstand und nicht lange fackelt. Das Mitleid in seinem Gesicht war verschwunden und einem Lachen gewichen, das eine blendend weiße Zahnreihe entblößte.

»Schön euch kennen zu lernen. Hans. Dieter«, sagte er. »Wo wir die Formalitäten nun erledigt haben, kannst du mir sicher sagen, ob du die Koningstraat kennst oder nicht.«

»Klar kenn ich die, schließlich bin ich hier aufgewachsen. Niemand kennt sich hier besser aus als ich. Sag mal Maarten, du hast nicht zufällig ne Kippe?«

»Ich hab Tabak«, erwiderte Maarten, kramt in der Tasche und reichte Hans-Dieter einen kleinen Plastikbeutel ohne Aufdruck. Hans-Dieter ergriff den Beutel, roch daran und begann sich eine Zigarette zu drehte, während er Maarten beobachtete, der sich in der Gegend umsah. Er wirkte deplatziert, wie einer, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Einer, der seine Sorgen stets hinunter schluckt und im Laufe der Jahre immer schwerer daran zu tragen hat. Hans-Dieter kannte viele solche Menschen, verschlossene, wortkarge Typen, die sich vor lauter Lebenslast bewegten, als hätten sie Knochen aus Blei. Konnte man leicht mit Bodenständigkeit verwechseln. Hans-Dieter riss ein Streichholz an, saugte den Rauch ein und blies ihn durch gespitzte Lippen in die Luft.

»Was ist denn jetzt mit der Koningstraat?«, drängte Maarten, nachdem er den Tabakbeutel wieder in die Tasche gestopft hatte.

»Mach dich locker, Cowboy. Die läuft nicht weg«, sagte Hans-Dieter und hielt sich die Zigarette unter die Nase, »Verdammt gutes Kraut! Wo hast das her?«

»Von zuhause«, bemerkte Maarten ungeduldig, »Ich bin Farmer und habe eine Tabakplantage.«

»Cool«, sagte Hans-Dieter und nuckelt an dem Glimmstängel.

»Die Koningstraat? Wo ist die denn jetzt?«

Hans-Dieter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er stampfte ein paar Mal mit dem Fuß auf, blies Qualmwolken in den Himmel und sagte: »Die ist hier, du stehst drauf.«

Maarten hob die Augenbrauen, blickte sich verwundert um.

»Das kann nicht sein. In der Koningstraat die ich suche stehen Häuser. Die muss woanders sein.«

»Hier stehen doch Häuser«, sagte Hans-Dieter.

»Ich sehe nur ein paar Bauwagen, Mauerreste und komische Metallgestelle.«

Hans-Dieter blickte zu den bunt bemalten Bauwagen, von denen einer sein eigenes Zuhause war. Die vier Wagen standen in einer Bodensenke, umgeben von einem Gelände mit hohem Gras, aus dem vereinzelt die Reste echter Häuser und dürre Birken ragten. Er deutete auf ein Loch im Zaun, das vor langer Zeit mal ein stattliches Tor gewesen sein mochte, doch nun bis auf einen schmalen Spalt zugewachsen war.

»Koningstraat 25. Kannst mir glauben«, sagte er und fügte betont ernst hinzu, »Und die Metallgestelle sind Kunstwerke.«

Maarten nahm den Hut ab, zog ein Gesicht als stünde er am offenen Grab eines geliebten Menschen und stammelte: »Aber. Aber hier soll früher ein großes weißes Haus mit dunkelgrünen Fensterläden und einer überdachten Veranda gestanden haben. Am Giebel gab es einen Teich und einen riesigen Kastanienbaum in dem …«

»… Eine Schaukel hing«, beendete Hans-Dieter Maartens Satz.

»Ja, genau. Woher weißt du das?«

»Ich bin hier aufgewachsen, das sagte ich bereits. Aber woher weißt du das denn?«

»Meine Mutter hat es mir erzählt, als ich noch klein war. Sie erzählte oft von dem Haus in der Koningstraat und dem wunderschönen Garten voller duftender Blumen, schwärmte von lauen Sommerabenden unter der großen Kastanie. Sie sagte, ich sei dort geboren worden.«

Hans-Dieter kniff die Augen zusammen und wischte mit der flachen Hand seine schütteren Haare nach hinten, während er versuchte Maartens Gesichtsausdruck zu deuten. Sein Gehirn lief auf Hochtouren, suchte angestrengt in seiner Erinnerung nach Zusammenhängen. Wie kann es sein, dass dieser Cowboy ohne Pferd und Sporen plötzlich im Weg steht und so einen Scheiß verzapft.

»Das musst du mir genauer erklären«, sagte er, »Lass uns erst mal aus der Sonne gehn. Ich habe noch ein paar Bier im Bauwagen, der steht gleich da drüben.«

Maarten kräuselte die Stirn, schien nachzudenken. Dann setzte er seinen Hut auf und sagte: »Okay, warum nicht.«

Hans-Dieter packte mit beiden Händen den Griff des Einkaufswagens und schob ihn vor, stieß aber gegen einen Stein und blieb hängen. Maarten, der schwere Arbeit und Anpacken gewohnt schien, griff beherzt zu und gemeinsam beförderten sie den Wagen durch das Loch im Zaun bis vor einen der Bauwagen. Hans-Dieter bot Maarten einen Platz an und verschwand im Wageninnern. Maarten ließ sich auf einer umgedrehten Bierkiste nieder, von denen mehrere im Kreis um eine Feuerstelle herumlagen, wobei er einige Schwierigkeiten hatte, seine langen Beine in eine bequeme Stellung zu bringen. Hans-Dieter kam mit dem Bier, setzte sich ebenfalls auf eine der Kisten und reichte dem Cowboy eine Flasche. Maarten besah sich das Etikett.

»Eigentlich trinke ich nur Whiskey, aber was soll’s.«

Die Beiden prosteten sich zu und nahmen einen tiefen Schluck.

»Also«, begann Hans-Dieter, »Erzähl mir, was ein Tabakpflanzer aus Amerika mit dem Haus in der Koningstraat zu schaffen hat, das längst nicht mehr da ist?«

»Ich weiß es nicht. Ich lebte mit meinen Eltern an der Nordseeküste, bis ich achtzehn wurde. Am Tag meines Geburtstages erzählte meine Mutter, dass der Mann, den ich bis dahin für meinen Vater hielt, gar nicht mein leiblicher Vater ist. Ich war sehr enttäuscht und wütend drüber, dass sie mich so lange angelogen hatte, und ging fort. Nach Amsterdam. Dort lernte ich meine Frau kennen, heiratete sie und wir beschlossen ein Jahr später nach Amerika zu gehen. Ich fuhr zu meiner Mutter, wollte Lebewohl sagen. Doch sie war nicht mehr da. In dem Haus am Meer lebte längst eine andere Familie. Wir gingen also nach Amerika, kauften eine Farm und pflanzten Tabak an. Mittlerweile habe ich vier Kinder. Eine Tochter erkrankte sehr schwer. Wenn ich traurig war, erzählte mir meine Mutter immer Geschichten von dem Haus in der Koningstraat. Schöne Geschichten aus einer glücklichen Zeit, voller Liebe und Geborgenheit, die mir erschienen wie aus einer anderen Welt. Doch als Kind beruhigten sie mich, verscheuchten meine Traurigkeit, und immer wenn ich am Bett meiner kranken Tochter saß, erinnerte ich mich daran. Ich erzählte ihr davon, wenn sie traurig war. Als das Kind starb, brach um mich herum alles auseinander und eine innere Stimme sagte mir, dass ich hier herkommen muss. Ich musste wissen, ob es das Haus in der Koningstraat wirklich gibt.«

Maarten sah versonnen in die erloschene Feuerstelle zu seinen Füßen, den Blick nach innen gerichtet, als würde er in sein eigenes offenes Herz schauen. Dann richtete er sich auf und sagte: »Nun, es gibt keins. Nur ein paar alberne Bauwagen.«

»Nicht mehr«, sagte Hans-Dieter, »Es gab hier ein Haus, stand genau an dieser Stelle und war, wie du es beschrieben hast. Ich bin darin geboren und lebte hier mit meinem Vater. Ein paar Tage nach meinem achtzehnten Geburtstag starb er und ich ging fort. Politiker wollte ich werden, ein Streiter für Demokratie und Gerechtigkeit. Hans wollte sogar Präsident werden, gründete eine Partei, deren einziges Mitglied er war. Dieter redete es ihm aus und nach Jahrzehnten des inneren Kampfes gab sich Hans geschlagen, akzeptierte seine Niederlage. Er hatte versagt. Die beiden Stimmen in meinem Kopf versöhnten sich und als Hans-Dieter kam ich hier her zurück. – Klingt komisch, ich weiß, aber irgendwie sind bei meiner Geburt zwei Personen in meinen Körper geschlüpft. Meine Eltern müssen das geahnt haben, gaben mir wohl deswegen einen Doppelnamen. – Na ja, das Haus war jedenfalls fort. Abgerissen.«

Maarten sah Hans-Dieter entgeistert an, so als hätte er nichts von dem Gesagten verstanden.

»Aber wie kann es sein«, sagte er, »dass wir beide in dem gleichen Haus geboren wurden und nichts voneinander wissen? Wir sind in etwa gleich alt oder?«

»Ich bin fünfundvierzig«, sagte Hans-Dieter.

»Ich dreiundvierzig.«

»Als ich sechszehn oder siebzehn war«, fuhr Hans-Dieter fort, »Und nach meiner Mutter fragte, erwähnte Vater, dass sie mit einem anderen Mann fortging, als ich zwei Jahre alt war. Ich wollte alles ganz genau wissen, doch er wehrte ab, sagte nur, hoffentlich ist sie glücklich geworden, und der Bastard auch.«

Maarten nahm den Hut ab, legte ihn neben sich und lehnte sich gegen die Wand des bunt bemalten Bauwagens. Er streckt die langen Beine von sich, kramte seinen Tabakbeutel hervor, drehte sich eine Zigarette und blickt zufrieden auf das Ergebnis. Er schien entspannt, beinahe erleichtert, als fiele ihm eine große Last von den Schultern.

»Ja«, sagte er und sah Hans-Dieter an, »Ich denke unsere Mutter ist glücklich geworden. Doch unser Vater hat sich geirrt.«


Der Apfelbaum

Jedes Jahr, wenn der Kirschbaum blühte und seinen betäubend süßen Duft verbreitete, wusste er, dass es ein Fehler war. Sabine wollte einen Apfelbaum. Im Scherz hatte sie gesagt, in den Garten Eden – so nannte sie das Gartengrundstück hinter dem Reihenhaus – gehöre ein Apfelbaum. Klaus hatte im Spaß erwidert, er könne es nicht zulassen, denn äßen sie erst von den Früchten, würden sie wohl hinausfliegen aus ihrem Paradies.

Als Sabine am darauf folgenden Wochenende mit einer Freundin nach Holland an die Küste fuhr, pflanzte er heimlich den Kirschbaum. Er schaffte vollendete Tatsachen, was ihm eine schelmische Freude bereitete. Ein kleiner Triumph, der allerdings verpuffte, als Sabine zurückkam und die Aktion wortlos hinnahm.

Der Baum gedieh prächtig, entfachte jedes Jahr seine blendend weiße Blütenkrone, während seine Ehe zunehmend verkümmerte. Von jenem Tag an setzte Sabine keinen Fuß mehr in den Garten, fuhr immer häufiger übers Wochenende fort, bis sie eines Tages gar nicht mehr nach Hause kam. Nun blühte der Kirschbaum zum fünften Mal, seit sie ihn verlassen hatte. Zum fünften Mal stand er nun allein im Garten, die Axt in der Hand und fest entschlossen, den Baum endgültig zu fällen. Klaus verfluchte diesen Baum, dessen unschuldige Schönheit ihm verlogen erschien und nichts weiter als die Vortäuschung falscher Tatsachen war. Ein Sinnbild seiner eigenen Arroganz, stellvertretend für seine Überheblichkeit und dem kindischen Drang, immer recht haben zu wollen. Eine Eigenschaft, die Sabine mit den Worten, er hätte in seinem Leben keinen Platz für sie, aus ihrem gemeinsamen Paradies trieb.

Er würde den Fehler wieder gut machen, umfasste den Axtstiel mit beiden Händen und holte weit aus. Holz splitterte, während die scharfe Klinge in den Stamm eindrang. Als der Baum fiel und Blütenblätter aufwirbelten wie frischer Pulverschnee, fühlte er sich großartig. Voller Zuversicht nun endlich das Richtige zu tun, grub er die Wurzel aus, zog sie aus der feuchten Erde und seinem Leben, wie einen schmerzenden Zahn.

Nach getaner Arbeit setzte er sich auf die Terrasse, genoss den unverstellten Blick in eine freie Zukunft. Dann schrieb er Sabine einen Brief. Faltete die Blätter, steckte sie in einen Umschlag und legte noch zwei Kerne hinein. Apfelkerne.


Übergangsjacke

»Schau mal, Schatz!«

Beiläufig warf ich einen kurzen Blick auf das, was sie da in die Höhe hielt und wandte mich wieder ab. Was sie da in der Hand hatte, ließ sich in dem Augenblick nicht präzise erkennen und so fiel meine Reaktion ebenso unpräzise aus.

»Mmh«, brummte ich nur gelangweilt.

»Das ist eine schöne Übergangsjacke für dich.«

Das Objekt, das sie von allen Seiten betrachtete, sah in etwa so aus wie eine Anglerweste mit vielen Taschen. Mein Opa trug so etwas, allerdings ohne Ärmel. Aber der trug auch Pullover ohne Arm.

»Ach ja?!«, sagte ich, »Wohin soll ich denn übergehen? Von der Midlife-Crisis direkt ins Seniorentum? Oder Sanatorium?«

»Du sollst nirgendwohin übergehen. So was trägt man, wenn es weder warm noch kalt ist.«

»Hä? Das ist physikalisch überhaupt nicht möglich. Es gibt keinen temperaturlosen Zustand. Es ist entweder warm oder es ist kalt. Und abgesehen davon, wenn es warm ist, kann man eine Sommerjacke anziehen. Obwohl man die eigentlich gar nicht braucht, weil es meistens auch ohne geht. Und wenn nicht, zieht man halt einen Pulli über. Wenn es hingegen kalt ist, zieht man seine Winterjacke an. Wobei man die eigentlich auch nicht braucht. Man könnte ja die Sommerjacke anziehen, wenn man eine hat, mit nem Pulli drunter oder zwei.«

»Von mir aus«, erwiderte sie mit einem leicht beleidigten Unterton. »Und dazwischen trägt man halt Übergangsjacken.«

»Übergang. Ich will aber nicht übergehen und eine Jacke brauch ich dafür schon gar nicht, wenn ich denn übergehen wollte. Ich könnte mich höchstens übergeben, angesichts der Preise hier.«

»Wieso?«, erwiderte sie, »die Jacke ist doch schon runtergesetzt. Statt hundert Euro kostet die nur siebzig. Wenn wir die kaufen, sparen wir dreißig Euro!«

»Wenn wir die kaufen, geben wir siebzig Euro aus und sparen keinen einzigen Cent!«

»Ja, aber wenn wir die Jacke kaufen müssten, sind siebzig Euro besser als hundert.«

»Müssen wir aber nicht.«

»Ständ dir aber gut«, sagte sie voller Überzeugung und drückte mir das Textil vor die Brust, »So eine hast du gar nicht. Die würde gut zu der hellen Hose und den braunen Schuhen passen, die ich dir neulich mitgebracht habe.«

Sie streckte den Arm aus, beugte sich weit nach hinten um einen besseren Blickwinkel zu bekommen, während sich der spitze Metallhaken des Kleiderbügels in meine Wange bohrte.

»Die trägst du gar nicht mehr.«

»Was?«

»Die braunen Schuhe«, sagte sie und sah mich vorwurfsvoll an. Schon als sie die Schuhe angeschleppt hatte, honorierte ich ihr Bemühen nicht ausreichend, weil ich sie wortlos in den Schrank gestellt hatte. Jetzt erneuerte sie ihren Vorwurf und gab mir sogleich eine Chance zur Wiedergutmachung, indem sie sagte: »Zu der Jacke kannst du die Schuhe gut anziehen.«

Derweil kratzte der Metallhaken schmerzhaft in meinem Gesicht und in der Hoffnung, sie würde das Ding endlich runter nehmen sagte ich: »Ja, das könnte ich.«

Sie nahm es runter. Erst zu spät erkannte ich, dass man in einer solchen Situation auf gar keinen Fall Ja sagen darf. Das Fundament meiner ablehnenden Haltung stürzte ein und sie, mit ihrem untrüglichen Gespür für meine Schwächen, nutzte es schamlos aus. So kam es, wie es kommen musste.

»Zieh doch mal an.«

Eine Verkäuferin schlich bereits seit einigen Minuten in enger werdenden Kreisen um die Kleiderständer in unmittelbarer Nähe und sah ständig herüber. Verkäuferinnen gucken immer so, als sei man der letzte Trottel, eine herablassende Mischung aus Verachtung und Mitleid. Verachtung für mich und Mitleid für sie, weil sie mit so einem wie mir shoppen gehen musste.

Die Jacke passte.
»Steht ihm gut«, sagte die Verkäuferin aus dem Hinterhalt und erklärte ihr die Vorzüge von Material und Verarbeitung. Mich beachtete sie gar nicht. Ich fühlte mich so nutzlos wie eine der zahlreichen Schaufensterpuppen, die überall zwischen den Regalen herumstanden und ein gelangweiltes Gesicht machten. Der einzige Unterschied zwischen den Puppen und mir war, dass ich schwitzen konnte. Und ich schwitzte.

»Ist eine schöne Übergangsjacke. Kann er gut im Herbst tragen«, erklärte die Verkäuferin.
»Wieso nicht im Frühling?«, mischte ich mich ein. Die Verkäuferin sah mich überrascht an, fast schon erschrocken. Sie schien ernsthaft irritiert darüber zu sein, dass ich überhaupt sprechen konnte.
»Weil das hier die Herbst/Winter Kollektion ist«, sagte sie, also meine Frau, nicht die Verkäuferin, »Übergangsjacken für den Frühling gibt es erst im Winter, wenn hier die Frühjahrs/Sommer Kollektion hängt.«

»Was soll’s«, sagte ich zum Spaß, »Da weiß man ja überhaupt nicht mehr, welche Jahreszeit wir gerade haben und in welchem Übergang wir uns befinden.«
Die Beiden sahen mich entgeistert an und lächelten dann verständnisvoll, während sie verschwörerische Blicke tauschten.

»Na gut, nehmen wir sie halt mit«, sagte ich laut und deutlich, damit auch jeder meine endgültige Kapitulation hören konnte. Die Verkäuferin zog mir hastig die Jacke vom Leib und stapfte damit wie ein siegreicher Feldherr zur Kasse.

»Gutes Schnäppchen«, sagte sie auf dem Weg dort hin.

Bisweilen beschleicht mich das Gefühl, dass die Entwicklungsstufe des heutigen Konsumenten, das evolutionäre Prinzip von Jäger und Hüter, völlig auf den Kopf gestellt hat. Unbemerkt hat sich ein schleichender Geschlechtertausch vollzogen. Die moderne Frau ist zu einer kriegerischen Jägerin mutiert, einer Schnäppchenjägerin und der Mann begnügt sich in der Regel mit dem Hüten der Ersparnisse.
»Siebzig Euro!«, forderte die Dame an der Kasse. Meine Frau nickte zustimmend und so opferte ich schweren Herzens die Scheine. Die Verkäuferin nickte ebenfalls, lächelte zufrieden und verabschiedete sich – von meiner Frau – mit den Worten: »Ich wünsche noch ein erfolgreiches Shopping!«

Was für ein bescheuerter Begriff dachte ich. Shopping. Klingt irgendwie gewalttätig. Urbane Gewalt. Oder wie eine asiatische Kampfkunst: San Shou, Chop Suey, Tsingtao und Sho Ping. Oder wie Harakiri. Samurais der Wühltische oder Sonderangebots-Kung-Fu.

Natürlich nahm meine Frau die Tüte. Sie schleppte die Beute vom Schlachtfeld und wie zur Belohnung für den gelungenen Tauschhandel hakte sie sich bei mir unter und machte ein glückliches Gesicht. Sie war, wie jedes Mal, glücklich, weil sie glaubte, dreißig Euro gespart zu haben, obwohl wir siebzig ausgegeben hatten. Rabattpunkte auf der Kundenkarte gab es noch obendrauf. Erfolg auf ganzer Linie. Sie war sehr zufrieden, blieb auf dem Weg zum Ausgang an keinem einzigen Ständer mehr stehen, was mich ebenfalls zufrieden machte. Hoffentlich, dachte ich noch, kommen diese Modezaren nicht noch auf die Idee, auch noch Übergangsjacken für den Wechsel vom Werktag auf einen Feiertag zu erfinden. Vom Karfreitag auf Ostern oder so. Eine Zwischen-den-Weihnachtsfeiertagen-Jacke oder ein Silvesterjackett, für den Übergang ins neue Jahr. Vielleicht sogar Übergangsunterwäsche für den Übergang von Klein nach Groß. Wobei im fortgeschrittenen Seniorentum da ja nicht mehr so viel Übergänge vorkommen. Im Sanatorium sind die Unterhosen ehe wieder aus Plastik, mit zwei Klebestreifen rechts und links. So wie früher. Ganz früher!
Als wir auf die Straße traten, regnete es. Am Fußgängerübergang zog ich meine neue Übergangsjacke über und sie sagte: »Siehste! Gut, dass wir die gekauft haben. Was für ein Schnäppchen.«

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sagte sie dann: »Scheiß Regen!«, und als gäbe es keine Alternative, fügte sie hinzu: »Lass mal reingehen.«

So marschierten wir geradewegs in den nächsten Laden. Ich blieb im Gang stehen, sah mich gedankenverloren um und fühlte mich irgendwie komisch.

»Schau mal, Schatz!«, sagte sie und ich wusste, wir waren in eine Endlosschleife geraten, aus der es kein Entrinnen gab.